Verein Kunst­schaffende
der Atelier­genossenschaft Basel

Mit dem Atelierhaus Klingental besteht seit den 60er Jahren ein von KünstlerInnen selbstorganisierter Raum für künstlerische Produktion im Zentrum von Basel. Es ist somit das älteste und grösste kontinuierlich bestehende Atelierhaus in der Schweiz. Über 30 KünstlerInnen nutzen das Haus als ihr Arbeitsort. Die Altersspanne der MieterInnen liegt zwischen 30 & 87 Jahren.


50 Jahre Kunstschaffende der Ateliergenossenschaft Basel

Im Jahr 1964 bezog die Künstlerin Mary Vieira durch das Entgegenkommen von Albert Wellauer, einem Oberst der schweizerischen Sanitätstruppen, als erste ihr Bildhaueratelier im Kasernenareal. Da die militärische Nutzung mehr und mehr eingestellt wurde, entstanden weitere Ateliers und es gründete sich die erste und älteste Ateliergemeinschaft der Schweiz.

Es war unter anderem Max Schmid sen., der damalige Vizepräsident des Basler Kunstvereins, der sich in der „Koordinationskommission für Künstlerateliers im Kirchenflügel der Kaserne" für die vollständige Umnutzung des Gebäudes einsetzte und dafür die Bezeichnung „Atelierhaus Klingental" prägte. In der Geschichte Basels finden sich noch weitere Verbindungen der beiden Institutionen. So integrierte der Architekt Johann Jakob Stehlin das Kirchenschiff des mittelalterlichen Frauenklosters, in dem sich heute ein Grossteil der Ateliers befindet, in die von ihm entworfene, zwischen 1861–63 im neogotisch-wilhelminischen Stil errichtete Militärkaserne. Sechs Jahre später 1869 wird nach den Plänen Stehlins auch die Kunsthalle Basel erbaut.

Fast 100 Jahre später, im Jahr 1967, organisierten junge Basler Künstler, darunter viele Mieter aus dem Atelierhaus Klingental und den Ateliers in der Alten Gewerbeschule, eine Gegenausstellung zur Weihnachtsausstellung der Kunsthalle im Restaurant Farnsburg (heute McDonalds) am Barfüsserplatz. Die sogenannte Farnsburggruppe kritisierte damit die vermeintliche Objektivität der Kunsthallen-Jury, die damals überwiegend aus Gewerbeschullehrern bestand, und warf drängende Fragen zur Förderung junger Künstler auf, die auch Eingang in die politische Diskussion fanden. Die Gruppe, die sich durch den Druck jener gesellschaftlichen Missstände gegründet hatte, war ein inhaltlicher jedoch eher temporärer Zusammenschluss ähnlich etwa den Situationisten. Sie löste sich nach weiteren Aktionen binnen eines Jahres wieder auf. Dennoch wirkte ihr politisches Anliegen weiter und stand in enger Verbindung mit der Gründung des „Ausstellungsraums Kaserne" im Jahr 1974, dem heutigen Ausstellungsraum Klingental. Der künstlerische Beirat setzt sich auch heute noch zu einem Teil aus Mieterinnen und Mietern der Ateliergenossenschaft zusammen.
2014 ist das Kasernenareal ein Konglomerat kultureller wie sozialer Einrichtungen: Neben dem Atelierhaus und dem Ausstellungsraum Klingental hat sich ein Zentrum für Theater, Tanz und Populärmusik entwickelt. Restaurants und Cafés befinden sich hier in Nachbarschaft zu einer berufsorientierenden Schule, einem Boxclub, einem Seniorentreffpunkt, einem Kinderspielplatz und einer Moschee.

All das entstand aus der Idee, einen weitgehend selbstverwalteten und sich autonom entwickelnden Ort zu schaffen, der nicht allein ökonomischen Zwängen gehorchen muss. So waren es auch die Kunstschaffenden als Mieter der Ateliers, die sich in dem karg ausgestatteten Kirchengebäude um die Instandsetzung, die spätere Aufrechterhaltung der Infrastruktur, die Reinigung und die Verteilung der Ateliers kümmerten. Doch was aus einem jungen und widerspenstigen Geist erwächst, ist nicht davor gefeit zu altern oder institutionalisierte Formen zu adaptieren.

Mit der Künstlergemeinschaft im Atelierhaus Klingental und der Alten Gewerbeschule startete in Basel nicht nur schweizweit ein einzigartiges Pilotprojekt sondern auch ein Langzeitversuch, wie das fünfzigjährige Jubiläum verdeutlicht. Dieser Modellversuch beinhaltet auch, dass nun drei Generationen in diesem Haus arbeiten, im Alter von Ende zwanzig bis Ende achtzig. Das birgt Vorteile wie Risiken: Junge können auf einen Werkszusammenhang, den Durchhaltewillen, den ökonomisch-gesellschaftlichen sowie persönlichen Werdegang ihrer Nachbarn blicken. Alte dürfen die Rivalität und Reibung mit neuen Ideen, Lebens- und Arbeitsformen nicht fürchten.

Zudem führt jetzt dieser Langzeit-Modellversuch wiederum aktuelle kulturpolitische Schwachstellen und drängende gesellschaftliche Probleme vor Augen: Redet man in anderen sozialen Kontexten von Integration und dem Lernen von Jung und Alt, scheinen im Bereich der zeitgenössischen Kunst Strategien für den Umgang mit dem demographischen Wandel gänzlich zu fehlen. Allenfalls wird darauf noch auf der Seite der Ausstellungsbesucher mit besonderen barrierefreien Angeboten für Senioren eingegangen. Auf der Seite der künstlerischen Produktion scheint dieses Phänomen jedoch vollkommen vernachlässigt zu werden. Wie wird mit älteren Künstlerinnen und Künstlern umgegangen, die auf ein gewachsenes Werk schauen und noch immer produzieren? Das Entdeckungspotenzial und damit die ökonomische Gewinn- und Prestigephantasie für Käufer wie Ausstellungsmacher wird hier weniger bedient. Wie verhält man sich gegenüber Künstlerinnen und Künstlern, die sich über Jahre für gesellschaftliche und soziale Veränderungen eingesetzt haben und nun alt geworden sind? Künstler die umfangreiche Werkentwicklungen und langjährige künstlerische Erfahrungen vorzuweisen haben, diese aber im schnellen und überhitzten zeitgenössischen Ausstellungsbetrieb immer seltener einbringen können? Ateliers sind auch Lager für Kunstproduktion, diese werden selbst organisiert und konservatorisch eigenverantwortlich geführt. Wo aber ist eine Institution, die sich auch den Spätwerken oder gar den Gesamtwerken von lokal verorteten Künstlern annimmt, wenn sie nicht mehr produzieren können?

 

Sören Schmeling, Kunsthalle Basel, 2015
anlässlich der Ausstellung "50 Jahre Kunstschaffende der Ateliergenossenschaft Basel" in der Kunsthalle Basel